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Tutorial "Live-Mixing", Misch-Strategien und Vorgehensweisen beim Soundcheck - Teil 5, Cover- und Partybands

Hier ist Teil 5 meines Tutorials „Live-Mixing.“ Es geht um etwas Simples und dennoch Kompliziertes, wenn man es richtig machen möchte. Ihr findet diese und andere Tutorials von mir unter der Adresse http://www.mix4munich.de/portal.htm

Tutorial "Live-Mixing", Part 5 - Abmischen einer großen Coverband

Was soll hierbei nochmal das Problem sein? Oder anders ausgedrückt: Was unterscheidet eine Cover- oder Partyband von einer „normalen“ Rockband? Eine normale Band hat üblicherweise „ihren“ Sound, der sich meistens durch den Klang der Gesangsstimme und die bevorzugte Art und Abstimmung der Instrumentierung auszeichnet. Eine Coverband dagegen soll mal so klingen wie die Band X, dann wieder wie die Band Y und im nächsten Song dann wieder vollkommen anders. Das kann so weit gehen, dass bei den verschiedenen Songs ständig unterschiedliche Personen den Leadgesang übernehmen. Bei normalen Bands ist so etwas eher die Ausnahme.

Sehen wir uns also einmal exemplarisch eine Coverband von fünf bis sieben Leuten an (alles schon dagewesen, alles schon mal durch meinen Mischer gelaufen). Um das diesmal etwas kürzer hinzukriegen, erkläre ich mal nicht alles von Adam und Eva an, sondern baue einfach drauf, dass Ihr meine anderen Sachen zum Thema gelesen habt. Mindestens Live-Mix Part 1 bis 3 - Teil 4 fällt eher ein klein wenig aus der Reihe.


Drumabnahme – teilweise oder alles?

Hier hängt es natürlich von der Größe der Veranstaltung und der Location ab: Komplette Schlagzeugabnahme oder nur wenige Mikros? Sobald es von der Größe der Veranstaltung her sinnvoll ist, bevorzuge ich die Komplettabnahme, da man so auch Hall auf die Toms und die Snare legen kann, und dieser bestimmt einfach den Charakter des Drumsounds sehr stark mit – ein Beispiel ist das Gated Reverb, welches Phil Collins seinerzeit populär gemacht hat (z.B. in den Songs „Mama“ von Genesis und in seinem Solosong „In the air tonight“). Um so etwas nachzubilden, ist Reverb bei manchen Songs ganz nützlich. Ist die Location kleiner, belasse ich es bei zwei bis drei Mikros – zuerst die Bassdrum: Nicht für mehr Pegel, sondern für mehr Fülle im Bassbereich bei meist gleichbleibender Lautstärke. Dann die Snare. Auch diese nicht wegen mehr Pegel, sondern wegen der Möglichkeit, Hall dazu zu mischen. Als drittes ein Overhead-Mikro für den Rest des Sets.


Bass – kompakt und doch mächtig!

Das ist kein Widerspruch! Beim Bass machen wir ausgiebig vom Kompressor Gebrauch. Wenn Ihr noch keinen habt, geht einen kaufen, es gibt ordentliche Geräte für lachhaft kleines Geld. An dieser Stelle sei der Behringer Multicomp mit vier Kanälen erwähnt, den es für etwa 120 EUR gibt. Wenn man keine ganz hohen Ansprüche hat und es mit der Kompression nicht übertreibt, ist das ein brauchbares Gerät, welches unauffällig seinen Dienst tut. Der Bass wird damit recht kräftig komprimiert, 6 bis 10 dB an Gainreduction dürfen es gerne sein. Die Attackzeit wird relativ lange gewählt, damit es nicht zu Tode komprimiert klingt. Der Nachteil vieler billiger Kompressoren, nämlich bei starker Kompression ein wenig die Höhen zu klauen, ist hier kein großer Nachteil. Und in diesem Fall ausserdem relativ leicht mit dem EQ auszugleichen.

Für mehr Erklärungen zum Thema Kompressor, siehe http://www.mix4munich.de/kompressoren.htm - das setzt natürlich voraus, dass der Bass über die PA lauter kommt als vom Amp des Bassisten.

Was insbesondere in größeren Bands mit vollen Arrangements ganz nützlich sein kann, um den Bass jederzeit klar orten zu können: Wenn man am Ende des Bass-Soundchecks mit dem Sound ganz zufrieden ist (schiebt schön in den Tiefen, matscht nicht in den Tiefmitten und hat die richtige Dosis Höhen für die anvisierte Musikrichtung), dann gebe ich noch eine schmalbandige Anhebung im Bereich der Mitten dazu, irgendwo zwischen 800 Hz und 1,2 kHz. Für sich alleine genommen, klingt das nun vielleicht etwas nasal, aber im Zusammenhang kommt das echt gut - wie gesagt, der Bass bleibt gut zu orten, auch wenn jede Menge anderer Instrumente spielen.


Die Gitarren – wie hätten Sie's denn gerne?

Und spätestens hier fängt es bei einer gitarrenbetonten Band an, kompliziert zu werden. Denn die Gitarren sollen für den einen Song so klingen und für den nächsten ganz anders. Ich versuche, als Basis einen nicht allzu kräftigen Sound einzustellen, habe aber die beiden parametrischen Mitten schon auf zwei bestimmte Frequenzen voreingestellt: Die hohen Mitten für den „Biss“ (bei E-Gitarren oft um die 2 kHz), die tiefen Mitten auf den Grundtonbereich, Schub, oder den Körper im Sound (variiert je nach Gitarre zwischen 200 und 700 Hz, Les Pauls eher tiefer, Strats und Teles eher höher, PRS und Powerstrats irgendwo dazwischen).

Von hier ausgehend kann ich dann z.B. im Solo den Druck erhöhen, indem ich nicht nur die Lautstärke der Gitarre anhebe, sondern auch deren Grundtonbereich um ein paar dB verstärke. Dasselbe, wenn auf einmal ein sehr gitarrenbetonter Rocksong gefragt ist – den Schub passend zu dosieren, ist hier die halbe Miete.

Sollen einzelne Parts dann superfunky rüberkommen, kann man das mit einer Anhebung irgendwo zwischen 3 und 10 kHz unterstützen, das hängt wieder vom Instrument und dem Song ab. Oder andersrum, falls plötzlich ein besonders cremiger Gitarrenleadsound gebraucht wird (z.B. das Solo von „We will rock you“ von Queen mit dem zerrenden VOX AC 30 Amps), der Gitarrist auf der Bühne aber bei seinem marshallartigen, leicht kratzigen Leadsound bleibt, kann man durch leichtes Anheben der Schubfrequenz und kräftiges Absenken der Bissfrequenz einen AC 30 Leadsound annähernd simulieren.

Wichtig ist, wir wollen hier keine perfekten Abbilder irgendwelcher Sounds schaffen, ausser der Musikerpolizei würde das eh niemand mitbekommen. Es geht nur darum, den Gesamteindruck geschmackvoll anzunähern.

Ein nettes Goodie für ein Gitarrensolo (man darf das aber nicht mehr als ein- oder zweimal am Abend abziehen) ist es, wenn man das Solo "durch den Raum fliegen" lässt. Was ist jetzt das wieder? Die Voraussetzung hierfür ist, dass die Gitarre für das Publikum über die PA deutlich lauter zu hören ist als über den Amp. Wenn also nun der Gitarrist zum Höhepunkt eines Solos ansetzt, kann man die Gitarre am PAN-Regler einmal nach ganz rechts, einmal nach ganz links drehen, um dann wieder in die Ausgangsposition (Mitte oder in deren Nähe) zurückzukehren.

Wenn man es mit mehreren Gitarristen innerhalb einer Band zu tun hat, muss man noch ein paar weitere Dinge beachten: Einerseits solle jede Gitarre für sich gut klingen. Andererseits aber sollen sie unterscheidbar klingen, also verschieden. Wenn die Band nicht schon von sich aus dafür sorgt (also z.B. ein Gitarrist mit einer Tele oder einer Strat mit Ahornhals über einen Fender-Combo, der andere eine Les Paul oder PRS-artige Gitarre mit Mahagonibody und Palisandergriffbrett über ein Halfstack von Marshall oder andere Amps britisch-kratziger Prägung), muss man als Tontechniker für Unterschiede sorgen, indem man die beiden Instrumente in unterschiedlichen Frequenzbereichen betont.


Keyboards – das Salz in der Suppe

Keyboards haben die wandlungsfähigsten Sounds von allen Instrumenten. Das ist gleichzeitig Fluch und Segen, denn einerseits sind gute Keyboardsounds echt das Salz in der Suppe, andererseits haben viele Keyboarder ihre Sounds nicht übermäßig gut aufeinander abgestimmt – der eine zu leise, der nächste zu laut, so dass man als Tech immer flink am Nachjustieren ist. Irgendwann habe ich mir dann einen Stereokompressor für die Keyboardsubgruppe angeschafft, damit hatten zumindest die Notfallabsenkungen ein Ende... Und mit den Dynamics in Digitalpulten ist das sowieso kein Problem mehr. Wenn man also mitbekommt, dass der Keyboarder seine Sounds von der Lautstärke her nicht im Griff hat, sollte man die Kompressoren so einstellen, dass die Keys meist unbeeinflusst sind, aber dass die Kompressoren fast wie Limiter wirken, wenn es zu laut wird. Spart Stress...

Soundmäßig sind Keys für mich oft das Gegengewicht zu den Gitarren. Grundsätzlich lege ich den Mix von Keyboardsounds so an, dass ich die Tiefen und ggf. Tiefmitten etwas zügele, die Höhen dagegen leicht anhebe (gerne im Bereich um 3 kHz – dieser Bereich ist ja oft feedbackgefährdet, weswegen ich Kanäle, die mit Mikrofonen abgenommen werden, hier nicht anhebe; das wiederum bedeutet, dass hier Platz für Line-Instrumente wie Bass oder eben Keyboards ist, um diese mit einer kleinen Anhebung leichter im Spektrum hörbar zu machen). Und von dieser Basis ausgehend, variiere ich die Sounds so, dass es bestmöglich zum Song und dem Arrangement passt. Warum passt diese Soundeinstellung meist ganz gut? Ganz einfach, die meisten Keyboardsounds sind übermäßig füllig programmiert, damit sie auf kleinen Anlagen noch gut und füllig klingen. Wenn man damit dann über eine halbwegs leistungsfähige PA spielt, kommen die übertriebenen Bässe übermässig zur Geltung. Daher: Zügeln! Auch Bassisten schätzen es meist überhaupt nicht, wenn die Keyboarder mit der linken Hand in ihren Gefilden wildern gehen.

Doch – bei Coverrockbands meist unvermeidlich – kommt irgendwann am Abend der Zeitpunkt, an welchem Van Halens „Jump“ gespielt wird mit seinem unverwechselbaren Keyboardintro des berühmten Pianisten Eduard Van Halen :-) An dieser Stelle hebe ich nicht nur den Pegel der Keys an, sondern booste auch den Bass in den Keyboardkanälen bis ans Maximum dessen, was die PA hergibt (oder was sinnvoll und angenehm ist). Da dürfen schonmal die Wände wackeln! Sobald die Band dann einsetzt, ziehe ich Bässe und Pegel der Keys langsam zurück.

Der Effekt des ganzen? Ein FUNdamentaler Keyboadsound! Da, wo er den Platz im Spektrum hatte, durfte der Keyboarder sich mal so richtig austoben! Und für den Rest des Abends hat man dann einen glücklich strahlenden Keyboarder auf der Bühne stehen, dessen neues Mantra lautet „Ich habe den Boden zum Beben gebracht. Ich habe den Boden zum Beben gebracht. Ich habe ...“ - na, Ihr wisst schon.


Der Gesang – immer wieder anders

Bei Bands mit je nach Song wechselnden Leadvocals sind mit jedem Song mehrere Dinge zu tun: Zuerst natürlich eine Lautstärkenkorrektur der einzelnen Gesangskanäle am Pult, klar. Evtl. muss bei neuen Song auch das Echo an ein neues Tempo angepasst werden (Tap-Delay rules, sage ich an dieser Stelle mal), aber das wäre ja ohnehin notwendig. Dann muss ggf. der neue Leadgesang etwas präsenter nach vorne gemischt werden, z.B. durch eine dezente Anhebung der Präsenzen irgendwo zwischen 3 und 8 kHz, je nachdem, was am besten zur Stimme und zur Musik passt. Soweit die Standardtipps, die wohl beinahe jeder so oder so ähnlich anwendet.

Schliesslich und endlich ändere ich noch ein wenig die Abstimmung der EQ-Kurven in den Kanälen von Gitarren und Keys. Wieso denn das jetzt? Ganz einfach: Um den Gesang so richtig schön und kräftig vorne im Mix stehen zu lassen, mache ich im Mix ein klein wenig Platz im Grundtonbereich der jeweiligen Leadvocals frei und senke bei Keys und Gitarren etwa 1 bis 2 dB die passenden Frequenzen ab. Diese hängen vom jeweiligen Sänger ab und sind bei Männern meist zwischen 200 und 300 Hz und bei Frauen zwischen 400 und 700 Hz zu suchen. Etwas ausführlicher habe ich dies in dem Workshop „Die Stimme im Mix nach vorne bringen“ beschrieben.


Specials – noch eine feine Würzmischung

Bei der Standard-Coverband mit männlichem und/oder weiblichem Gesang, ein bis zwei Gitarren, Keyboards, Bass und Drums wären wir an dieser Stelle fertig. Manche Bands aber würzen ihre Auftritte noch mit weiteren Instrumenten. Natürlich kann man nicht alles wissen, wie also geht man es an, wenn ein bislang unbekanntes Instrument dazu kommen soll?

Generell ist erst einmal zu klären, um was für ein Instrument es sich handelt, und was für eine Rolle es hat. Spielt das Instrument immer mit, oder wird es nur für besondere Akzente bei einzelnen Songs eingesetzt? Ist es ein Begleit- oder ein Soloinstrument? Oder kann es beide Rollen ausfüllen? Entsprechend platziere ich es im Mix: Dient das Instrument nur mal kurz als Soloinstrument, platziere ich es recht weit vorne im Mix. Spielt es dagegen auch in begleitender Funktion, muss es im Mix eingebettet werden. Evtl. also muss man für die Songs, in denen so ein Zusatzinstrument dazukommt, den ganzen Mix anpassen und noch etwas Platz im Spektrum schaffen.

Man sollte sich zuerst einmal den Natursound des Instrumentes anhören. Dann mal mit den Ohren näher rangehen, um zu prüfen, an welcher Stelle man es mit dem Mikro abnehmen kann. Hat das Instrument einen Pickup o.ä. eingebaut, höre ich mir zuerst mal dessen Signal an. Oft bringen diese Pickups den Schub und die Durchsetzungskraft des Instruments schon ganz gut rüber, aber es fehlt ein wenig an Natürlichkeit. Dafür kombiniere ich das Pickupsignal dann ganz gerne mit einem Mikrofonsignal. Wenn das Pickupsignal nicht feedbackanfällig ist, nutze ich es ganz gerne für den Monitorsound und mische nur auf der Front-PA das Mikrofonsignal etwas kräftiger dazu. So gelangt man eigentlich immer zu einem gute Frontsound und einem ausreichend lauten Monitorsound.

Wichtig ist, dass man für den Mix eines unbekannte Instrumentes mehr Zeit hat und das die Band das auch weiss. Eine Gitarre, einen Bass oder ein Keyboard bekommt man in ein bis zwei Minute zum Klingen. Für ein völlig unbekanntest Instrument dagegen brauche ich schon mal fünf bis zehn Minuten, in Einzelfällen auch mehr.

Und damit wollen wir es für heute mal bewenden lassen. Wenn Euch etwas fehlt zum Thema Cover- und Partybands, schreibt mir Eure Fragen: contact@mix4munich.de

München, im März 2014
Jo

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